Stimmen

Ich habe immer Angst gehabt, ich würde wieder weggeschickt. Das war immer da. Weil es so oft passiert ist.

Ruth Barnett (geb. Michaelis), *1935 in Berlin; 1939 mit älterem Bruder mit dem Kindertransport zuerst Pflegefamilie in Schottland, dann wechselnde Pflegefamilien und Heime, Vater emigriert nach Shanghai, Mutter in Deutschland, 1949 nach Deutschland zu den Eltern, 1950 zurück nach Großbritannien, Landwirtschaftsstudium, anschließend Ausbildung als Lehrerin, dann Psychotherapeutin, heute in London. Autobiographie: Person of No Nationality: A Story of Childhood Loss and Recovery (2010).

Es war schon eine wichtige Erfahrung, in England zu sein, auch in dem Heim. Als Heimkind war man gesellschaftlich irgendwie ganz unten. Und das ist vielleicht auch eine gute Erfahrung mal. In Deutschland war ich plötzlich jemand. Man sagte „Fräulein Blankenburg“ zu mir.

Ursula Beyrodt (geb. Blankenburg), *1932 in Küstrin (damals Neumark, Deutsches Reich, heute Kostrzyn nad Odrą, Polen); zusammen mit älterer Schwester 1939 mit dem Kindertransport in jüdisches Heim in Blackpool, Vater überlebt Theresienstadt, Mutter in Hannover; 1947 zurück nach Hannover, Jurastudium, Beamtin, heute in Hannover.

Ich bin weder Deutscher noch Engländer. […] Meine Kinder sind was anderes, sie sind alle hier geboren. Aber sich eine Illusion zu machen, dass man hier Engländer sei… Ich bin Brite, I suppose.

Peter Block, *1922 in Frankfurt – †2019 in London; 1934 bringen ihn Freunde der Familie nach Edinburgh, wo er bei früheren Nachbarn und Freunden aufwächst, Teil der Familie in der Shoah umgekommen; Wirtschaftsstudium, Exportmanager.

Eines Tages hat ein reicher Mann mich vom Dovercourt Camp im Auto zu seinem Haus mitgenommen. Da habe ich zum ersten Mal ein open fire, einen Kamin gesehen, man hat mir einen typischen englischen Tee gegeben. Das war meine erste Erfahrung vom englischen Leben eigentlich. Das hat mir sehr gefallen, mich sehr beeindruckt. 🎙

Leslie Baruch Brent (ehem. Lothar Baruch), *1925 in Köslin (damals Westpommern, Deutsches Reich, heute Koszalin, Polen) – † 2019 in London; 1938 mit dem Kindertransport zuerst nach Dovercourt, dann Bunce Court School, Eltern und Schwester in der Shoah umgekommen; Professor für Immunologie an der Universität London. Autobiographie: Sunday’s child? A Memoir (2009), dt. Ein Sonntagskind? Vom jüdischen Waisenhaus zum weltbekannten Immunologen (2009).

Ich habe die ganze Familie verloren. Sehr, sehr tragisch. Aber ich rede nicht davon. Ich möchte nicht meine Kinder beeinflussen von diesem Holocaust. Ich wollte meine Kinder schonen. Ich denke immer dran.

Ben Brettler (ehem. Baruch Benedikt Littmann), *1925 in Kolomea (damals Kołomyja, Polen, heute Kolomyja, Ukraine); 1938 mit dem Kindertransport zuerst nach Devon, dann London, Familie in der Shoah umgekommen; Textilhändler, heute in Manchester.

Ich habe tatsächlich eine komische kleine Marotte: manchmal messe ich die Sekunden und dann sage ich, was ich als Kind in Deutschland gelernt habe: ,Einundzwanzig‘. Das entspricht genau einer Sekunde. Wahrscheinlich haben es mir meine Eltern beigebracht. Ich kann es noch immer.

Michael Brown (ehem. Franz Michael Schlesinger), *1930 in Breslau (damals Schlesien, Deutsches Reich, heute Wrocław, Polen); 1939 mit jüngerer Schwester mit dem Kindertransport nach Liverpool, ein Großteil der Familie in der Shoah umgekommen; Sprachenstudium, staatlich geprüfter Bilanzbuchhalter, heute in London. Autobiographie: Moving on. My Journey Through Life. The Memoirs of Michael Brown (2016), dt. „Es war eine recht unruhige Reise“. Von Franz Michael Schlesinger zu Michael Brown (2017).

Mein Bruder Paul, der war so gerne back in Österreich und er hat gerne dies österreichische Essen. Er really war happy, wenn er zurückkam. Ich mochte es nicht. Ich meine, ich mochte es, zurückzukommen, aber nicht, wenn sie sagten: „Oh, Ihr Deutsch ist so gut.“ 

Rosemarie Cawson (geb. Rosemarie Beer), *1924 in Wien; 1938 allein nach Großbritannien in eine Privatschule in Berkshire, älterer Bruder Paul Beer nach Palästina/Israel, Eltern in der Shoah umgekommen; Studium in Reading, Lehrerin, später international beim British Council, heute in Torquay.

Man hat alles abgehört. Alles, zu Hause. Und ich musste mich schon viel mehr kümmern als früher um das Haus, weil Mutti ging, um das Affidavit für Amerika zu kriegen für ihren Bruder. Da sagt sie: „Geh mal rüber schnell zu Leon Lewis und sag ihm, dass der Vati schon abgeholt worden ist von der SA. Sie sollen vorsichtig sein“

Ruth Danson (geb. Ruth Gottliebe Boronow), *1924 in Breslau (damals Schlesien, Deutsches Reich, heute Wrocław, Polen), 1938 allein nach Großbritannien in die Bunce Court School, Eltern und Bruder ebenfalls nach Großbritannien, verschiedene Tätigkeiten (Damenschneiderin, Sekretärin von Anna Freud), heute in London.

Meine Mutter hatte zwei Freundinnen in London, die sie im Ersten Weltkrieg in Berlin kennengelernt hatte. Die sind aus Russland geflohen, hatten einer jüdischen Gemeinde angehört. Mit denen ist sie immer in Verbindung geblieben. Die haben mich dann angemeldet für den Kindertransport. Frau Jakobsen und ihre Schwester, Frau Grünblatt, haben die Garantie gegeben. 🎙

Ruth Luise David (geb. Oppenheimer), *1929 in Frankfurt/M. – † 2020 in Leicester; 1939 mit dem Kindertransport zuerst nach Tynemouth, eine Schwester kommt später nach Großbritannien, weitere Geschwister emigrieren nach Argentinien und Frankreich, Eltern in der Shoah umgekommen; Fremdsprachenstudium, Französisch-, später auch Deutschlehrerin. Autobiographie: Ein Kind unserer Zeit (1996); engl. A Child of Our Time. A Young Girl’s Flight from the Holocaust (2003); „… im Dunkel so wenig Licht …“ Briefe meiner Eltern vor ihrer Deportation nach Auschwitz (2008); engl. Life-lines (2011).

Eine meiner Töchter fing an, Deutsch in der Schule zu lernen, aber das ging nicht gut. Sie haben kein Gefühl dafür, dass sie zweite Generation sind. Obwohl sie jetzt in den letzten zehn Jahren […] auch interessiert waren und nach Wien wegen des Stolpersteins meiner Mutter kamen.

Francis Deutsch (ehem. Alfred Deutsch), *1926 in Wien – † 2020 in London; 1939 mit dem Kindertransport nach London, dann Bristol, Mutter und Verwandte in der Shoah umgekommen; Rechtsanwalt (Fachgebiet: Asylrecht). Hier ein Interview mit Eva-Maria Thüne an der Universität Cambridge (18.3.2017).

Ich kann mich an Verschiedenes erinnern, aber Bedeutung hat das eigentlich nicht. Ich kann mich noch erinnern, wo wir gewohnt haben […]. Was praktisch ist, dass ich noch Deutsch sprechen kann.

Ilse Eton (geb. Ursell), *1922 in Düsseldorf; 1939 in einer Gruppe von jungen Frauen nach Bournemouth, älterer Bruder und Eltern ebenfalls nach Großbritannien, Fremdsprachenstudium, Angestellte, heute in London.

Wenn ich jetzt nach München komme, ist es komisch. Seltsam. Eine Mischung zwischen Umarmung und Weinen.

Bea Green (geb. Maria Beate Siegel), *1925 in München; 1939 mit dem Kindertransport nach Brasted/Sevenoaks (Kent) zu Pflegeperson, älterer Bruder nach Liverpool, Eltern emigrieren nach Peru, dann Lima; Green lebt später einige Zeit bei ihnen. Fremdsprachenstudium, Deutsch- und Englischlehrerin im In- und Ausland, heute in London.

Ich konnte sehr wenig Englisch, aber ich kann mich nicht erinnern, dass es ein Problem war. Ich fand das Leben sehr angenehm in dieser Familie. Und danach bei ihren Nachbarn.

Karl Grossfield (ehem. Karl Grossfeld), *1926 in Wien; 1939 mit Schwester mit dem Kindertransport nach Großbritannien, zuerst in verschiedenen Pflegefamilien in London, dann in Bunce Court School, Eltern und Brüder emigrieren nach Palästina/Israel, Finanzmanager, heute in London.

Niemand wusste, wohin mit uns: neun Jungen, einige stammten aus Berlin, andere kamen aus Hannover, andere kamen aus Breslau. Aber wir hatten eins gemeinsam: wir sprachen Deutsch und wir konnten kein Englisch. 🎙

Herbert Haberberg , *1924 in Brambauer/Lünen – †2021 in London; 1939 mit jüngerem Bruder mit dem Kindertransport zuerst nach Hertfordshire, dann verschiedene Heime, Familie in der Shoah umgekommen; Exportmanager, zuletzt in London.

In der Schule in Stoatley Rough haben wir nur Deutsch gesprochen. Aber wir durften manchmal in die Stadt gehen, dann immer Englisch. Meiner Mutters Englisch war nicht so gut, aber sie hat probiert. Wir haben dann in Swiss Cottage gewohnt und da waren alle refugees, da war alles Deutsch.

Helga Hanfling (geb. Weissrock), *1926 in Berlin; Familie emigriert 1933 nach Teheran, 1938 mit Mutter und Schwester zurück nach Berlin, 1939 über Mailand nach Großbritannien, ein Großteil der Verwandten in der Shoah umgekommen; Malerin, heute in Sonning/Reading.

Der Zug von Wien war voll mit Kindern. Ich glaube, ich habe nicht viel gesprochen mit ihnen. Das Ganze war so neblig. Ich weiß nicht einmal, ob ich die Eltern wirklich umarmt hab. Der Vater war im Spital und es das erste Mal, als ich ihn weinen gesehen hab, wie er Abschied genommen hat. Irgendwie ich wollt nicht weg.

Walter Kammerling , *1923 in Wien – †2021 in Bournemouth; 1938 mit dem Kindertransport nach Dovercourt, dann Arbeit auf Farm in Nordirland, Familie in der Shoah umgekommen; verheiratet mit Herta Kammerling (auch aus Wien mit Kindertransport nach Großbritannien), mit Familie 1945 nach Österreich, Ende der 1950er Jahre zurück nach Großbritannien, Ingenieur, zuletzt in Bournemouth.

Ja, wir waren religiös, das heißt […] jeckisch, jeckische Frömmigkeit, ich glaub, das sagt alles. Ich hab mit dem Vater gelernt, Thora und so weiter. Wir waren behütet.

Bernd Koschland , *1931 in Fürth; 1939 mit dem Kindertransport zuerst nach Margate, Schwester kommt ein paar Monate später, mehrere Heime und Pflegefamilien, Familie in der Shoah umgekommen; Rabbi, Lehrer, heute in London.

Wir kamen aus Deutschland mit einem Transport und waren offiziell staatenlos, aber wir waren immer noch Deutsche und von daher in England Feinde. Glücklicherweise wurden wir nicht ins Gefängnis gesteckt.

Lotte Kramer (geb. Wertheimer), *1923 in Mainz; 1939 mit Kindertransport nach Tring (Hertfordshire) in von Quäkern unterstütztes Heim mit Mädchen aus Mainz unter der Leitung der Lehrerin Sophie Cahn, Eltern in der Shoah umgekommen; verschiedene Anstellungen in London, heute in Peterborough, Lyrikerin: Heimweh: Gedichte (1999); engl. z. B. New and collected Poems (2011).

Meine Eltern haben eine Familie Goodwin kennengelernt, die in Manchester englische Quäker waren. […] Durch die Quäker haben wir die Visas gekriegt, die uns gerettet haben.

Peter Kurer (ehem. Peter Franz Kürer), *1931 in Wien; 1938 emigriert die gesamte Familie mit Hilfe der Quäker nach Manchester, Zahnarzt, heute in Manchester.

Oft hat es mir gefehlt, dass ich nicht jemanden hatte, mit dem ich sprechen konnte. Jetzt beschäftigt es mich noch.

Keith Lawson (ehem. Kurt Lazarus), *1925 in Berlin – † 2017 in Glatton/ Huntingdon; 1939 mit dem Kindertransport nach Suffolk in Heim, dann Arbeit in der Landwirtschaft, Eltern in der Shoah umgekommen; Manager.

Wir hatten immer gehofft, dass meine Söhne durch meine Mutter Deutsch lernen würden, aber wenn sie anfing, Deutsch mit ihnen zu reden, sagten sie sofort: „Please speak English, Granny.“

Fritz Lustig , *1919 in Berlin – † 2017 in London; kommt 1939 nach Cambridge (als trainee, Lehrling), dort auch eine Schwester als Haushaltshilfe (domestic), Eltern emigrieren nach Portugal (nach dem Krieg in Großbritannien), Angestellter in Reading, später in London. Autobiographie: My Lucky Life. The Memoirs of Fritz Lustig (2017).

Die Schuluniform in England war wunderbar. Ich war genau wie die andern. Das war ich sonst nie gewesen. Das war eine große Befreiung. Da war kein Unterschied und das war so wunderbar.

Margarete von Rabenau (geb. Abrahamson), *1926 in Berlin; 1939 mit älterer Schwester mit dem Kindertransport nach East Sussex, wechselnde Pflegepersonen, Eltern sterben durch Bomben in Berlin; Psychiatrische Sozialarbeiterin, heiratet Pastor von Rabenau, in den 1960er Jahren mit Familie in einer Gemeinde in Berlin, dann in der Evangelischen Gemeinde in Cambridge, heute in Cambridge.

Im Krieg durfte man nicht Deutsch sprechen, und auch meine Mutter hat mir gesagt: „Sprich nicht Deutsch. […]“ Und: „Sei Englisch.“ […] Aber die Engländer waren so: „Wo kommen Sie her?“ „Ich komme aus Deutschland.“ „Oh.“ Pause. „Warum?“ „Wir mussten herauskommen.“ Man hat nicht vom jüdischen Hintergrund gesprochen.

Vernon Reynolds (ehem. Werner Rheinhold), geb. 1935 in Berlin; 1939 mit Mutter (als domestic) nach Großbritannien, wächst zuerst bei Quäkern in Mudeford (Dorset) auf, zwei ältere Geschwister kamen mit dem Kindertransport, Teile der Familie in der Shoah umgekommen; Professor für Anthropologie in Oxford, heute in Alfriston (Sussex).

Leute haben oft meinen Akzent genoticed (bemerkt), denn man hat doch nen Akzent, obwohl man das nicht glaubt. Aber das hat mich nicht gestört. Ich schäme mich nicht, dass ich deutsch war. 🎙

Lore Robinson (geb. Michel), *1924 in Köln; 1939 mit dem Kindertransport nach London, dann Cambridge, älterer Bruder auch ins UK, Mutter stirbt in Bergen-Belsen, Vater überlebt; Krankenschwester, heute in London.

Ich spreche Vorkriegsösterreichisch. Die Leute sagen, sie hören noch das Wienerische. Ich wundere mich, aber wenn sie’s sagen, muss es stimmen.

Victor Ross (ehem. Victor Rosenfeld), *1919 in Wien – † 2021 in London; 1936 mit Mutter nach London, Vater ebenfalls dort, Publizist, Autor, z. B. Basic British (1956).

Ich habe den Großteil meines Lebens damit verbracht, Deutsch zu verdrängen. Nur sehr viel später ist mir das alles wieder in den Sinn gekommen.

John Ruppin (ehem. Hans Ruppin), *1932 in Bunzlau (damals Niederschlesien, Deutsches Reich, heute Bolesławiec, Polen); 1939 mit dem Kindertransport nach London in ein Heim, dann wechselnde Pflegefamilien, Familie in der Shoah umgekommen; selbstständiger Kaufmann, heute in Longstanton.

Wenn ich in Wien mit dem Fahrrad auf dem Trottoir fuhr, musste ich sicher sein, da war kein Polizist. Die konnten dich sofort bestrafen […] Jedenfalls kam in London dieser Polizist, fragte, wohin ich ging. Ich sagte es ihm. Und da sagt er: „May I have a look into your bag, Sir?“ Sir! Ich war 18.

Eric Sanders (ehem. Ignatz Schwartz), *1919 in Wien-Hitzing; 1938 zu einem Teil der Familie nach London, Lehrer. Autobiographien: Emigration ins Leben. Wien – London und nicht mehr retour (2008); Secret Operations. From Music to Morse and Beyond (2010).

Als ich das erste Mal zurück in Deutschland war, 1964, hatte ich einen psychologischen Block gehabt. Ich konnte in Deutschland nicht Deutsch sprechen. Unmöglich. Hört sich vielleicht komisch an. Mit denselben Leuten konnte ich in Israel Deutsch sprechen.

George Shefi (ehem. Georg Spiegelglas), *1931 in Berlin; 1938 mit dem Kindertransport nach Barnack (Peterborough), 1941 nach Kanada, dann zum Onkel in die USA, 1949 nach Israel, findet 1965 zufällig seinen Vater in Australien wieder, Teile der Familie in der Shoah umgekommen; Maschinenbauer, Werkzeugmacher, Dozent an Ingenieur-Fachhochschule, heute in Givat Zeev (Israel). Autobiographie: The Way of Fate (2016).

IMein älterer Sohn hat irgendwie nicht ein Ohr für Sprachen. Aber der jüngere, der spricht Deutsch und Französisch. Und er zieht mich auf, denn wenn er kommt, spricht er mit deutschem Akzent.

Stella Shinder (geb. Orbach), *1928 in Chemnitz, der Familie gelingt es, über Prag nach Großbritannien zu emigrieren, verschiedene Tätigkeiten, heute in London.

Ich war die Art von Person, die sich nichts anmerken ließ. Ich wollte kein Mitleid. Ich war so, und wenn die Leute fragten: „Wie geht es deinen Eltern?“, sagte ich: „Es geht ihnen gut.“ Ich war so.

Margot Showman (geb. Feigmann), *1930 in Bochum – † 2018 in Manchester; 1938 mit dem Kindertransport in Pflegefamilie nach Manchester, Familie – bis auf einen Bruder in Israel – in der Shoah umgekommen; Schneiderin.

Tante und Onkel lasen viele Psychologiebücher. Onkel war ein ziemlich strenger Lehrer. Er ließ mich jeden Abend zehn Wörter buchstabieren. Und ich glaube nicht, dass es eine Nacht gab, in der ich nicht weinend ins Bett ging. Aber abgesehen davon war es eine glückliche Kindheit. Alles geschah mit den besten Absichten.

Eva Shrewsbury (geb. Eva Bettina Goldschmidt), *1930 in Frankfurt – † 2017 in Tighnabruaich (Schottland); 1939 mit jüngerem Bruder mit dem Kindertransport in Pflegefamilie nach Marple/Cheshire, Eltern gelingt später die Emigration nach Großbritannien, studierte Naturwissenschaften, Lehrerin.

In Leeds versuchte ich zu hören, was die Leute sagten und konnte kein Wort verstehen, denn es war Yorkshire Akzent. Das ist ein bisschen anders als King’s English.

Heinz (Henry) Skyte (ehem. Heinz Scheidt), *1920 in Fürth – † 2019 in Leeds; 1939 allein zum älteren Bruder nach Leeds, Eltern in der Shoah umgekommen; Angestellter.

Meine Eltern sprachen Tschechisch mit mir. Aber sobald der Anschluss kam, kriegte ich ein deutsches Kindermädchen. Ich hatte vorher ein tschechisches, aber ich kriegte ein deutsches, um Deutsch zu lernen. Dann konnte ich etwas Deutsch.

Eve Slatner, *1935 in Zlín (damals Tschechoslowakei, heute Tschechien); 1939 mit dem Kindertransport zuerst nach London, dann mit Eltern, denen die Emigration gelingt, in Marple/Cheshire, später geht die Familie in die USA, Schauspielerin, heute in Berlin.

Ich hab die Notwendigkeit gespürt, mich anzupassen, und das hab ich auch gemacht. Ich bin ein guter kleiner Engländer geworden, bestimmt, aber wirklich englisch kann man ja eigentlich nicht werden.

Michael Trede, *1928 in Hamburg-Eppendorf – † 2019 in Mannheim; Großeltern bereits evangelisch getauft, 1939 mit dem Kindertransport zuerst nach Bunce Court School, Eltern geschieden, Vater in Deutschland, Mutter ebenfalls nach Großbritannien, Großmutter in Theresienstadt umgekommen; Medizinstudium in Cambridge und London, 1955 nach Deutschland, Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in Mannheim. Autobiographie: Der Rückkehrer. Skizzenbuch eines Chirurgen (2001).

Es war sehr stürmisch im Englischen Kanal. Berlin kann noch sehr kalt sein Ende März, und in Berlin war Schnee und Eis und dann kamen wir nach England, und in England war es Frühling und die Osterglocken blühten schon. Ich mein, das war ein symbolischer Unterschied.

Günter Heinz Treitel *1928 in Berlin – † 2019 in Oxford; 1939 mit dem älteren Bruder mit dem Kindertransport nach London, Eltern und Schwester ebenfalls nach Großbritannien, Juraprofessor in Oxford, Emeritus Vinerian Professor of English Law.

Wir zogen nach Berlin in die Bamberger Straße. Einen Kilometer vom KaDeWe entfernt. In der anderen Richtung war der Bayerische Platz. Ich spielte mit einem Freund dort. Daran erinnere ich mich sehr gut. Wir lebten in einer Wohnung mit einem Balkon im ersten Stock. Meine Mutter war geschieden. Sie schaute nach ihrem Vater. Es war ein ganz normales Leben, nehme ich an. Ich ging in eine Schule in der Nähe. Nachodstraße, denke ich. Da war ich ein Jahr und dann sagten sie, Juden müssten sie verlassen.

Gerald Wiener (ehem. Horst Gerhard Wiener), *1926 in Küstrin (damals Neumark, Deutsches Reich, heute Kostrzyn nad Odrą, Polen); 1939 mit dem Kindertransport zuerst in Margate, dann Oxford, mehrere Pflegepersonen, Mutter ebenfalls nach Großbritannien, wird Krankenschwester, Vater in Shanghai, später USA, Teile der Familie in der Shoah umgekommen; Professor für Tiergenetik an der Universität Edinburgh, heute in Inverness. Biographie: Margret M. Dunlop: Goodbye Berlin. The Biography of Gerald Wiener (2016).

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